Schon Andy Warhol prophezeite jedem Menschen 15 Minuten Ruhm im Leben. Am späten Montagabend Ortszeit in Qatar war Andrew Redmayne an der Reihe und nutzte seine Bühne auf spektakuläre Art. Der Ersatztorwart des australischen Fußball-Nationalmannschaft kam kurz vor dem Ende der Verlängerung im Play-off-Spiel zur Weltmeisterschaft gegen Peru für Stammschlussmann Mathew Ryan auf den Rasen, um im nahenden Elfmeterschießen zum Trumpf zu werden. Der spezielle Zug von Trainer Graham Arnold ging auf – und wie! Redmayne spielte den „Hampelmann“ und raubte dem Gegner den letzten Nerv.

Tobias Rabe

Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

Nachdem der Australier Martin Boyle gleich im ersten Versuch an Perus Torwart Pedro Gallese gescheitert war, begann die Show des Andrew Redmayne. Der 33 Jahre alte Keeper vom Sydney FC, zum dritten Mal erst im Nationalteam im Einsatz, wartete nicht etwa gebannt auf der Linie auf die südamerikanischen Schüsse. Er hampelte wild, sodass jedes Kleinkind einen Heidenspaß gehabt hätte am albernen Mann mit dem Rauschebart. Das sonderbare Verhalten zeigte Wirkung. Der frühere Hoffenheimer Luis Advincula setzte seinen Elfmeter an den Pfosten, Alex Valera scheiterte an Redmayne – und Peru verging das Lachen.

„Der Weg zur WM war so hart“

Der zuvor außerhalb Australiens völlig unbekannte Redmayne konnte sein Glück im Ahmed bin Ali Stadion nahe Doha, in dem während der WM im November und Dezember sieben Spiele ausgetragen werden, kaum fassen. „Ich finde dafür keine Worte, es ist total surreal“, sagte er emotional sichtlich mitgenommen. „Aber ich bin kein Held, sondern habe nur meine kleine Rolle ausgefüllt.“ Er sei den Jungs auf dem Platz, die 120 Minuten gerannt sind und bist zum Umfallen um das torlose Remis gekämpft haben, dankbar. „Und am Ende ist es halt wie bei einem Münzwurf – entweder fällt die eine oder die andere Seite.“

Einen Münzwurf als Entscheidungshilfe bei einem unentschiedenen Fußballspiel gibt es zum Glück lange nicht mehr. Das war womöglich Australiens Glück. Trainer Arnold hatte den Coup mit seinem Ersatztorwart geplant für den Fall der Fälle. „Andrew ist ein Elfmeterkiller. Mit dem Wechsel wollten wir den Gegner verunsichern“, sagte er im Interview im klimatisierten Stadion bei 31 Grad, nachdem es tagsüber noch wärmer war. Dann schob sich der Torwart zur australischen Frühstückszeit jubelnd ins Bild und gab seinem Coach einen Kuss auf die Wange. „Ich bin so stolz auf alle. Der Weg zur WM war so hart.“

20 Qualifikationsspiele waren nötig seit September 2019, 16 davon außerhalb des Landes wegen der Corona-Restriktionen, die Einreisen der Gegner unmöglich machten. Vor einer Woche gab es das 2:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate im asiatischen Play-off-Finale, nun den Krimi gegen Peru. „Es ist unglaublich, dass wir es geschafft haben“, sagte Arnold. Zum sechsten Mal sind die „Socceroos“ für eine Endrunde qualifiziert, zum fünften Mal in Serie. Australien trifft nun in Gruppe D auf Weltmeister Frankreich (22. November, 20.00 Uhr MEZ), Tunesien (26. November, 11.00 Uhr) und Dänemark (30. November, 16.00 Uhr).

Ob Redmayne dann wieder tanzen darf, ist zweifelhaft. Stammtorwart Ryan gilt als gesetzt. Doch sein Stellvertreter ist ein Mann für die besonderen Momente. „Es bringt den Spieler aus dem Konzept. Du verlierst die Konzentration“, sagte Ajdin Hrustić von Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt. „Ich habe ihm vorher gesagt, du wirst der große Mann sein, wir brauchen dich“, sagte er. „Nicht viele haben an uns geglaubt. Aber Underdogs kämpfen, kämpfen, kämpfen. Bis zur letzten Sekunde. Genau das haben wir gemacht. Wovon ich als Kind geträumt habe, das habe ich nun erreicht, ich will aber mehr.“

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von app.mycountrytalks.org zu laden.

Inhalt laden









Die Play-off-Partie war geprägt von der Angst eines Rückstandes. Entsprechend vorsichtig agierten beide Teams, die bei der Endrunde 2018 in der Gruppenphase in Russland gegeneinander spielten. Seinerzeit gewannen die Südamerikaner 2:0. Nun jubelten die Australier mit den beiden Deutschland-Legionären Hrustić und Jackson Irvine vom FC St. Pauli aus der zweiten Bundesliga. Beide hatten gute Szenen, trafen aber nicht. Da Edison Flores in der Verlängerung mit seinem Kopfball für Peru nur den Pfosten traf, entschied des Elfmeterschießen.

Quelle: FAZ Sport – Webseiten-Link