Spätestens seit diesem Donnerstag ist es an der Zeit, ein neues Vereinslied zu komponieren. Nach „Im Herzen von Europa“ und „Schwarz-weiß wie Schnee“ müssen endlich die „Frankfurter Nächte“ besungen werden, die für die Eintracht-Fußballfans so viel mehr bedeuten als die „Kreuzberger Nächte“ für die bierseligen unter den Berlinern und dem Rest der Republik. Eine Hymne an die Leidenschaft, den Mut und den Willen der Spieler sowie an die Begeisterungsfähigkeit des Publikums, die in Wechselwirkung mit den Darbietungen der Profis die schon so oft beschriebene Magie der donnerstäglichen Europa-League-Heimspiele der Eintracht entfachen.

Um den noch immer großen FC Barcelona zu schlagen, dessen real existierenden finanziellen Sorgen sich durch den neuen Trainer Xavi nicht mehr auf dem Spielfeld niederschlagen, hätten für die Frankfurter zwei Dinge zusammenkommen müssen. Eine Vorstellung an der Grenze des eigenen Leistungsvermögens und ein günstiger Spielverlauf. Was die Eintracht beeinflussen konnte, lieferte sie: ein nahezu perfektes Spiel.

Großes Spielglück hatte sie nicht: siehe Sows unfassbaren Fehlschuss, Gelb-Rot gegen Tuta und den zurückgenommenen Elfmeter. Dagegen schlugen die Katalanen durch Ferran Torres auf Anhieb zu, als sie ihre erste und einzige Traumkombination kreieren konnten. Der 1:1-Ausgleichstreffer war der einzige Moment, an dem sichtbar wurde, dass der Kader von Barcelona den 3,5-fachen Wert des Frankfurter Aufgebots besitzt. Noch nicht einmal, dass der fünfmalige Champions-League-Sieger Weltstars wie Frenkie de Jong und Ousmane Dembélé als Einwechselspieler auf den Platz bringen konnte, während der hessische Bundesliganeunte Almamy Touré und Ragnar Ache als frische Kräfte nachschob, wirkte sich nachhaltig aus.

Taktik und Disziplin

Selbst nach Tutas Platzverweis geriet die Eintracht nicht größer ins Schwimmen. Ein Frankfurter Meisterwerk aus Taktik, Disziplin sowie Lauf- und Leidensbereitschaft. Was im Vergleich zur großartigen Kampagne 2018/19 fehlt, die mit dem dramatischen Scheitern im Halbfinale von Chelsea endete, ist die individuelle Klasse im Sturm. Nicht auszudenken, wenn nicht Borré im Sturmzentrum gestanden hätte, sondern ein Haller oder Jović. Dennoch ist Borré so wertvoll wie seine Vorgänger, zumindest in Matches gegen Barcelona. Des Kolumbianers unermüdliches Pressing an der Mittellinie war die Grundlage dafür, dass seine Kollegen das Mittelfeld fast schon hermetisch abriegeln konnten.

Das 1:1 hat die Chancen der Hessen für das Rückspiel nicht verschlechtert. Wenn es ihnen ein zweites Mal gelingt, an ihre Leistungsgrenze zu gehen, wenn sie ein zweites Mal mit dieser Überzeugung auftreten, den Riesen mit ihrer Steinschleuder stürzen zu können, dann muss Barcelona mehr als eine Traumkombination in 90 Minuten liefern, um im Wettbewerb zu bleiben. Dass die Spanier dazu jedoch jederzeit in der Lage sind, ist auch klar.

Quelle: FAZ Sport – Webseiten-Link