Er war Lyriker, Romancier, Drehbuchautor, Filmregisseur, häretischer Kommunist und der brillanteste, provokanteste politische Publizist seiner Generation in Italien: Pier Paolo Pasolini. Und auch ein, wie er selbst sagte, „Fußballbegeisterter“. Dass er in rot-blauer Bettwäsche geschlafen hat, ist zwar nicht überliefert. Doch im Elternhaus seiner Mutter in Casarsa della Delizia, wo er die Schulferien verbrachte, waren die Wände seines Zimmers in den Farben „meines Herzensvereins“ gestreift. Als die Immobilie nach langem Leerstand 1993 von der Region Friaul erworben wurde, um hier ein Studienzentrum einzurichten, kamen sie unter mehreren Schichten Putz zum Vorschein. Im Centro Studi Pier Paolo Pasolini kann der Raum besichtigt werden.

Der Freibeuter Pasolini war zeit seines Lebens Anhänger des FC Bologna, aber nicht, wie er erklärte, weil er in der Universitätsstadt geboren wurde, sondern weil er hier seine Fußball-Initiation hatte: Als Gymnasiast und Student kickte er auf den Wiesen von Caprara im Nordwesten der Stadt. Diese Nachmittage hat er später als die schönsten seines Lebens bezeichnet.

Nicht nur ein leidenschaftlicher Tifoso

Die Rot-Blauen („Rosso-Blu“) haben ihre „goldenen Zeiten“: Zwischen 1929 und 1941 gewinnt der FC Bologna viermal die Meisterschaft, und als die Mannschaft 1937 vom Fußballturnier der Weltausstellung in Paris, wo sie im Endspiel den FC Chelsea 4:1 geschlagen hat, heimkehrt und auf dem Bahnhofsvorplatz empfangen wird, schwänzt Pasolini die Schule. „Nur ein einziges Mal habe ich ihn wirklich stinksauer gesehen“, erinnert sich Franco Citti, der in Pasolinis Film „Accattone“ die Hauptrolle spielt: „Das war, als wir zum Match AS Roma gegen Bologna ins Olympiastadion gegangen sind und sein Verein 4:1 verloren hat.“

Valerio Curcio: „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini.“ Mit einem Vorwort von Moritz Rinke. Edition Converso, Karlsruhe 2022, 192 S., Abb., geb., 20 Euro.


Valerio Curcio: „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini.“ Mit einem Vorwort von Moritz Rinke. Edition Converso, Karlsruhe 2022, 192 S., Abb., geb., 20 Euro.
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Bild: Edition Converso

Doch Pasolini ist nicht nur ein leidenschaftlicher Tifoso, seine Verbindungen mit dem Fußball sind vielseitig. Der 1992 geborene Journalist Valerio Curcio zeichnet sie in seinem Buch „Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen“, das nun zu Pasolinis hundertstem Geburtstag erscheint, akribisch nach. Neben dem Fußballfan stellt er den Fußballspieler, den Fußballerzähler, den Fußballreporter und den Fußballphilosophen Pasolini vor: ein Mosaik aus fünf Kapiteln, das nicht in der Vergangenheit stehen bleibt, sondern auch reflektiert, wie der scharfe Kritiker der Konsumgesellschaft heute, fast fünfzig Jahre nach seiner (nicht abschließend aufgeklärten) Ermordung 1975 in Ostia, wohl zur totalen Kommerzialisierung des Fußballs stehe würde.

Quelle: FAZ Sport – Webseiten-Link