An dem Abend, an dem seine Fußballmannschaft in der Champions League gegen den Siebten der spanischen Liga scheiterte, ist in Oliver Kahn, dem Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern München AG, ein Gefühl aufgestiegen: Ich muss was machen! So hat er später entschieden, am Osterwochenende einen heiligen Ort aufzusuchen. Er hat Julian Nagelsmann, den Trainer des Teams, eingeweiht. Dann ist er in den Raum gegangen, in dem, so murmelt man, schon kleine und große Wunder geschehen sind.

Am Karsamstag hat sich Kahn in München in die Mannschaftskabine gestellt und seinen Spielern fünf Minuten laut ins Gewissen geredet. Am Ostersonntag hat sich Kahn in Bielefeld ins Stadion gesetzt und seinen Spielern 90 Minuten leise zugeschaut. Er sah, was er sehen wollte: einen Bayern-Sieg in der Bundesliga. Und so hat dieses Osterwochenende auch die Geschichte eines Mannes erzählt, der in seinen ersten neuneinhalb Monaten an der Spitze des wichtigsten deutschen Sportklubs leiser sein wollte – und spätestens seit dem Aus in der Champions League akzeptiert hat, dass er lauter sein soll.

Es ist Mittwoch an der Säbener Straße in München. Ein Konferenzraum im ersten Stock. Auf dem Stuhl vor dem Fenster sitzt Oliver Kahn, 52 Jahre alt, und erklärt, warum er nach dem Viertelfinale gegen Villarreal in die Kabine gegangen ist. „Ich glaube, dass ich ein gutes Gefühl dafür habe, wann ich etwas bewirken kann und wann auch andere sich äußern können oder sollten“, sagt er. Was war mit diesem Gefühl im Herbst? Als die Impfdiskussion um Joshua Kimmich und die Jahreshauptversammlung um Qatar Airways eskalierte? „Ich wollte es medial schon ein bisschen ruhiger, unaufgeregter angehen“, sagt Kahn.

Er hält das für Eigenschaften eines modernen Managers. Doch die Kritiker hörten damals, dass der Trainer die meisten Antworten gab. Und überhörten, dass der Trainer in seinen ständigen Pflichtpressekonferenzen auch die meisten Fragen bekam. Mit seiner selbstbewussten Art kommunizierte Julian Nagelsmann den Klub durch die Krisen. Die Kritiker fragten: Warum sagt Kahn nicht noch etwas? Und Kahn fragte sich: Warum soll ich noch etwas sagen? An einem normalen Bundesligastandort wäre das wohl etwas für den Flurfunk gewesen. Eines ist der FC Bayern, wo bis hin zu den „13 Höslwanger“ alle ihren Senf durchfunken wollen, aber nicht: normal.

Quelle: FAZ Sport – Webseiten-Link