Manchmal, erzählte Domenico Tedesco am Samstagabend in Dortmund, lasse er sich dazu hinreißen, seinen Spieler Konrad Laimer „auf den Arm zu nehmen“. Wenn der im gegnerischen Strafraum meist eher harmlose Mittelfeldakteur schieße, treffe er normalerweise „alles außer das Tor“, sagte der Trainer von RB Leipzig. Damit liefere Laimer verführerische Einladungen zu neckischen Schmähungen, die aber offensichtlich keine Schäden am Selbstvertrauen des Profis angerichtet haben. Denn während des 4:1-Sieges seines Teams bei Borussia Dortmund hat Laimer Bemerkenswertes geschafft. Das 1:0 und das 2:0 schoss er selbst, das dritte Tor legte er mit einer gewieften Vorlage auf, Laimer war ein echtes Problem für die Dortmunder, die bis zu diesem ernüchternden Erlebnis davon träumen konnten, doch noch irgendwie ins Titelrennen zurückzukehren. Vier Saisontore hat Laimer nun schon erzielt, mehr als in den 83 Bundesligapartien zuvor. „Meine Abschlussstärke habe ich neu entdeckt“, sagte er zufrieden.

Laimer verkörpert jene moderne Sorte defensiver Mittelfeldspieler, die eine imposante physische Präsenz mit strategischer Klugheit und außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten verbinden. Er ist genau der Spielertyp, der dem BVB fehlt. Axel Witsel ist körperlich zu schwach, Jude Bellingham zu offensiv, und Mahmoud Dahoud oder Emre Can sind nicht zuverlässig genug. Einen wie Laimer haben sie nicht. Auch deshalb ist es wohl kein Zufall, dass der 24 Jahre alte Österreicher gerade an diesem Abend für den entscheidenden Unterschied sorgte. Er hatte nicht nur erstmals in seiner Bundesligakarriere drei Scorerpunkte in einem Spiel gesammelt, sondern den ersten Treffer auch noch durch eine starke Balleroberung gegen Can tief in der Dortmunder Hälfte eingeleitet.

„Er ist jemand, der vieles vereint“, sagt Tedesco, Laimer gelängen immer wieder „extrem hohe Balleroberungen, er ist ein Konterspieler, er leitet Konter ein, durch ein Dribbling oder einen Pass“. Damit war er der passende Mann, um die Schwächen des BVB zu entblößen.

Die bessere Strategie

Die labilen Dortmunder plagen sich seit Monaten mit dem Problem von Ballverlusten im Spielaufbau herum, ohne echte Fortschritte zu machen. Und sie sind konteranfällig, weil Defensivleute wie Witsel oder Mats Hummels Tempodefizite haben. So wurden sie zu perfekten Laimer-Opfern. Hummels sprach später etwas despektierlich davon, dass RB „nur mit Kontern“ gefährlich gewesen sei, als sei dieser Spielansatz in einer Auswärtspartie beim Tabellenzweiten in irgendeiner Form verwerflich. Die Wahrheit ist, dass die Leipziger einfach die bessere Strategie für dieses Spiel hatten, eine Strategie, in der Laimer aufblühen konnte. Der Plan sei gewesen, „kompakt zu stehen, damit die Dortmunder nie in ihre Dynamik kommen“, sagte er, „und wir haben gemerkt, dass das relativ gut klappt“.

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Rechtzeitig zur entscheidenden Phase der Saison nähern die Leipziger sich damit ihrer Topform. Als einziger Bundesligaklub sind sie noch in drei Wettbewerben vertreten, haben im DFB-Pokal und in der Europa League sogar reale Titelchancen. Und dass sie in der Bundesliga so deutlich hinter dem Tabellenführer Bayern München stehen, liege allein daran, dass „die Hinrunde scheiße war“, sagte Laimer. Das Tableau der zweiten Saisonhälfte führen sie an, und wer dieses direkte Duell der beiden hartnäckigsten Bayern-Verfolger der vergangenen Jahre sah, musste den Eindruck mitnehmen, dass mittelfristig eher die Leipziger dem Rekordmeister gefährlich werden können als der BVB. Auch weil bei RB offenbar das bessere Arbeitsklima herrscht. „Ich fühle mich wohl, spüre das Vertrauen der Trainer und der Kollegen, bin im Rhythmus“, sagte Laimer unter der Woche dem Onlineportal „Sportbuzzer“. So einen Satz würde in Dortmund derzeit eher niemand sagen.

Nicht einmal das Ausscheiden in den Play-offs der WM-Qualifikation mit seinem Nationalteam gegen Wales in der vergangenen Woche hat Laimers guter Form geschadet. Die Herausforderungen im Verein sind schließlich auch attraktiv, in den beiden kommenden Wochen stehen spannende Viertelfinalpartien gegen Atalanta Bergamo in der Europa League bevor, und nach Ostern folgt das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Union Berlin. Die Leipziger scheinen das Kunststück zu schaffen, genau im entscheidenden Moment des Spieljahres ihren besten Fußball zu spielen. Ganz besonders gilt das für Konrad Laimer.

Quelle: FAZ Sport – Webseiten-Link